Frühphaseninvestitionen waren schon immer eine Netzwerkaktivität. Nur wenige Business Angels verfügen über die Zeit, das Fachwissen oder den Dealflow, um ein starkes Portfolio vollständig allein aufzubauen. Gleichzeitig möchten Start-ups nur selten Dutzende einzelne Investoren in ihrem Cap Table verwalten.
Syndizierung löst dieses Problem. Anstatt allein zu investieren, koordiniert sich eine Gruppe von Investoren bei vielversprechenden Investmentmöglichkeiten. Ein oder mehrere erfahrene Investoren identifizieren ein Unternehmen, teilen die Gelegenheit mit ihrem Netzwerk und unterstützen den Investitionsprozess. Die einzelnen Investoren entscheiden anschließend unabhängig, ob sie sich beteiligen möchten.
Für Start-ups bedeutet dies eine übersichtliche und koordinierte Finanzierungsrunde. Für Investoren verbindet Syndizierung gemeinsames Fachwissen, eine fundiertere Due Diligence und Zugang zu einem besseren Dealflow. In den vergangenen zehn Jahren hat sich dieses Modell zu einem der prägenden Merkmale von Frühphaseninvestitionen in Europa und den USA entwickelt.¹
In der Schweiz wirft Syndizierung jedoch eine wichtige Frage auf: „Ab wann wird die Koordination von Investoren zu einer regulierten Finanzaktivität?“ Diese Unterscheidung zu verstehen, ist für alle, die Investmentnetzwerke organisieren oder daran teilnehmen, von zentraler Bedeutung.
Koordination vs. Kontrolle
Aus regulatorischer Sicht ist die entscheidende Unterscheidung klar. Wenn ein Deal Lead Investoren koordiniert, ist diese Tätigkeit grundsätzlich nicht reguliert. Wenn der Deal Lead hingegen das Kapital der Investoren kontrolliert oder Anlageentscheidungen im Namen der Investoren trifft, kann die Tätigkeit unter die Finanzmarktaufsicht fallen.
Die Schweizer Finanzmarktregulierung konzentriert sich daher weniger darauf, ob Investoren zusammenarbeiten, sondern vielmehr darauf, wer letztlich die Anlageentscheidung trifft.
In einem typischen Angel-Syndikat bleiben die Investoren vollständig autonom. Jeder Teilnehmer bewertet die Investmentmöglichkeit unabhängig und entscheidet selbst, ob und in welcher Höhe er investieren möchte. Der Deal Lead erleichtert den Zugang zur Investmentmöglichkeit, verwaltet jedoch kein Investorenkapital.
In dieser Struktur fungiert der Deal Lead als Vermittler innerhalb eines Investmentnetzwerks und nicht als Finanzintermediär, der Vermögenswerte verwaltet.
Wann Regulierung relevant werden kann
Regulatorische Fragen entstehen typischerweise in drei Situationen.
A. Vermögensverwaltung
Wenn eine Person oder Organisation Anlageentscheidungen im Namen von Investoren trifft – beispielsweise indem sie gebündeltes Kapital kontrolliert oder über einen Ermessensspielraum bei Anlageentscheidungen verfügt – kann dies im Sinne von Art. 17 Abs. 1 FinAI als Tätigkeit eines Vermögensverwalters gelten.
Vermögensverwalter sind Finanzinstitute im Sinne von Art. 2 Abs. 1 lit. a FINIG und benötigen daher gemäß Art. 5 Abs. 1 FinAI eine Bewilligung der FINMA.
B. Kollektive Kapitalanlagen
Ein zweites Problem entsteht, wenn das Kapital mehrerer Investoren in einer gemeinsamen Investmentstruktur gebündelt wird und die Investoren keine individuellen Entscheidungen mehr treffen.
Solche Konstruktionen können als kollektive Kapitalanlagen gelten. Darunter versteht man Vermögen, das von mehreren Investoren für eine gemeinsame Anlage aufgebracht und für deren Rechnung nach einer festgelegten Anlagestrategie verwaltet wird.³
Strukturen, die unter diese Definition fallen, können einer regulatorischen Genehmigung und laufenden Aufsicht unterliegen.
C. Anlageberatung
Die Abgabe von Anlageempfehlungen zu Finanzinstrumenten kann gemäß Art. 3 lit. c des Schweizer Finanzdienstleistungsgesetzes (FIDLEG) als Finanzdienstleistung gelten und daher Registrierungspflichten und Verhaltenspflichten auslösen.⁴
Solche Situationen unterscheiden sich grundlegend von einem typischen Angel-Syndikat. Dort erhalten Investoren lediglich Zugang zu einer Investmentmöglichkeit und entscheiden anschließend unabhängig, ob und in welchem Umfang sie sich beteiligen möchten.
D. Warum die Struktur entscheidend ist
Für Investorennetzwerke ist die konkrete Struktur eines Syndikats daher von großer Bedeutung. Ein robustes Syndizierungsmodell folgt typischerweise mehreren Grundsätzen:
Investoren entscheiden unabhängig, ob sie sich an einem Deal beteiligen.
Kapital wird nicht vor der Investmententscheidung gebündelt.
Der Deal Lead übt keine Ermessenskontrolle über die Gelder der Investoren aus.
Investmentmöglichkeiten werden dem Netzwerk transparent präsentiert.
Unter diesen Bedingungen fungiert das Netzwerk als Plattform für Zusammenarbeit und Deal Discovery und nicht als regulierter Vermögensverwalter.
Grundprinzipien für Deal Leads
Damit ein Syndizierungsmodell innerhalb des bestehenden regulatorischen Rahmens bleibt, folgen erfahrene Deal Leads typischerweise einigen einfachen Grundprinzipien:
A. Investmentmöglichkeiten präsentieren – Kapital nicht verwalten
Der Deal Lead stellt die Investmentmöglichkeit vor, kontrolliert jedoch niemals die Gelder der Investoren.
B. Unabhängige Investmententscheidungen sicherstellen
Jeder Investor entscheidet selbst, ob er sich beteiligt und welchen Betrag er investiert.
C. Vorzeitige Bündelung von Kapital vermeiden
Das Bündeln von Geldern vor den individuellen Investmententscheidungen kann regulatorische Risiken schaffen.
D. Transparenz bieten, keine Empfehlungen aussprechen
Investmentunterlagen sollten Investoren informieren und ihnen eine Entscheidungsgrundlage bieten, nicht jedoch individuelle Anlagestrategien vorgeben.
Warum spezialisierte Investorennetzwerke wichtig sind
Syndizierung wird besonders wirkungsvoll, wenn sie innerhalb spezialisierter Investorengemeinschaften stattfindet.
In komplexen Branchen wie der Gesundheitstechnologie erfordert die Bewertung von Unternehmen in der Frühphase Expertise in Bereichen wie:
Klinische Validierung
Regulatorische Zulassungsverfahren
Erstattungsmodelle
Beschaffungsprozesse von Krankenhäusern
Generalistische Investoren können möglicherweise Kapital bereitstellen. Spezialisierte Netzwerke können jedoch gleichzeitig Kapital, Fachwissen und Zugang zu relevanten Branchenakteuren bieten.
Diese Kombination entscheidet häufig darüber, ob ein HealthTech-Start-up erfolgreich den Markt erreicht.
Wie MEDKAP dieses Modell anwendet
MEDKAP wurde genau mit dem Ziel gegründet, eine solche spezialisierte Investmentgemeinschaft für Gesundheitstechnologie aufzubauen. Die Organisation ist als gemeinnütziger Angel-Investoren-Club organisiert, der sich ausschließlich auf HealthTech konzentriert. Zu den Mitgliedern gehören Ärzte, Führungskräfte aus dem Gesundheitswesen, Unternehmer und erfahrene Investoren mit Fachwissen in den Bereichen MedTech, Diagnostik und Digital Health.
Start-ups präsentieren ihre Projekte im Rahmen kuratierter Pitch-Events. Nach diesen Präsentationen können die Mitglieder ihr Interesse bekunden und individuell entscheiden, ob sie sich an einer potenziellen Finanzierungsrunde beteiligen möchten.
Diese Struktur stellt sicher, dass:
Investmententscheidungen vollständig bei den einzelnen Investoren bleiben.
Kein Investorenkapital von der Organisation gebündelt oder verwaltet wird.
MEDKAP als Vermittler innerhalb des HealthTech-Ökosystems und nicht als Finanzintermediär agiert.
Operative Aspekte von Investments – einschließlich der Abwicklung von Transaktionen und Compliance-Prozessen – werden durch spezialisierte Infrastrukturanbieter für Transaktionen im Private-Market-Bereich unterstützt.
Das Ergebnis ist ein Modell, das effiziente Syndizierung mit regulatorischer Klarheit verbindet.
Vertrauen als Grundlage von Investorennetzwerken
Syndizierung basiert nicht allein auf der richtigen Struktur. Sie hängt auch vom Vertrauen zwischen Investoren, Gründern und Ökosystempartnern ab.
Investorengemeinschaften funktionieren am besten, wenn die Teilnehmer klare Prinzipien befolgen:
Transparenz im Umgang mit Start-ups
Vertraulichkeit im Hinblick auf Investmentmöglichkeiten
Respekt vor dem gemeinschaftlichen Charakter des Netzwerks
Konstruktives Feedback für Gründer und andere Investoren
Diese Normen ermöglichen es einer Gruppe von Einzelpersonen, als koordinierte Investmentgemeinschaft zu funktionieren und nicht lediglich als Ansammlung isolierter Akteure.
Ein kollaboratives Modell für Frühphaseninvestitionen
Frühphaseninvestitionen funktionieren am besten, wenn Investoren ihre Stärken miteinander kombinieren.
Syndizierung ermöglicht es erfahrenen Investoren, Investmentmöglichkeiten mit ihrem Netzwerk zu teilen, kleineren Investoren die Beteiligung an vielversprechenden Unternehmen zu ermöglichen und Start-ups koordinierte Finanzierung sowie substanzielle Unterstützung bereitzustellen.
Bei korrekter Strukturierung bleibt dieses Modell vollständig mit dem Schweizer regulatorischen Rahmen vereinbar.
Investorengemeinschaften wie MEDKAP zeigen, wie Branchenexpertise, Zusammenarbeit und sorgfältige Strukturierung ein Umfeld schaffen können, von dem Start-ups, Investoren und Industriepartner gleichzeitig profitieren.
Gerade in so komplexen Bereichen wie der Gesundheitstechnologie sind solche Ökosysteme häufig der entscheidende Unterschied zwischen vielversprechenden Ideen und erfolgreichen Unternehmen.
Schlussbemerkung
Die Schweiz bietet viele der richtigen Voraussetzungen: Talente, Kapital, starke geistige Eigentumsrechte und regulatorische Klarheit. Um diese Chance zu nutzen, wird es jedoch mehr brauchen als günstige Rahmenbedingungen. Angels, VCs, Unternehmen und öffentliche Akteure müssen zusammenarbeiten, um wissenschaftliches und unternehmerisches Potenzial in Unternehmen zu verwandeln, die skalieren können – und langfristig bestehen bleiben. Das Zeitfenster ist offen.
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Über den Autor
Maximilian Diem: Dr. jur. Maximilian Diem ist ein renommierter Rechtsexperte und Unternehmer mit besonderer Expertise im Wettbewerbsrecht und bei gesellschaftsrechtlichen Finanztransaktionen. Maximilian ist Gründer von IXAR, einer spezialisierten Anwaltskanzlei, die bereits unmittelbar nach ihrer Gründung als „Top Law Firm“ im renommierten Bilanz-Ranking ausgezeichnet wurde. Als Mitgründer der MEDKAP Investor Association war er maßgeblich an der Gestaltung des gemeinnützigen Syndizierungsmodells beteiligt, um sicherzustellen, dass dieses innerhalb des Schweizer regulatorischen Rahmens für Finanzaktivitäten bleibt.



