HealthTechs Wandel nach Europa: Warum die Schweiz an Boden gewinnt
Während Gründer und Investoren mit Sitz in den USA zunehmend mit Unsicherheit konfrontiert sind, gewinnt Europa – und insbesondere die Schweiz – still und stetig an Bedeutung als bevorzugter Standort für Talente und Kapital. In dieser zweiteiligen Betrachtung zeigt Jan Fülscher auf, warum die Schweiz für Gründer und Business Angels zunehmend zur ersten Wahl wird, während Laurent Degoumois erläutert, wie sich die Aktivitäten im Bereich Venture Capital (VC) und Private Equity (PE) anpassen und was erforderlich ist, um die nächste Generation globaler Marktführer aufzubauen.
Warum sich HealthTech-Kapital nach Europa verlagert – und warum die Schweiz ein sinnvoller erster Anlaufpunkt ist
von Jan Fülscher
Die Vereinigten Staaten, einst an der Spitze von Innovation und Unternehmertum, senden wissenschaftsbasierten Gründern derzeit widersprüchliche Signale. Washington hat eine pauschale Obergrenze von 15 % für indirekte Kosten bei allen NIH-Förderungen eingeführt und neue Exportkontrollen für fortschrittliche Biotech-Instrumente verhängt. Viele Forschende fragen sich inzwischen, ob die USA weiterhin der beste Ausgangspunkt für ihre Gründung sind. In einer aktuellen Umfrage von Nature gaben drei Viertel der US-amerikanischen Wissenschaftler an, dass sie aktiv einen Umzug ins Ausland in Betracht ziehen.
Europa ist bereit, sie aufzunehmen. Der Europäische Forschungsrat (ERC) hat die zusätzlichen Fördermittel für einen Standortwechsel auf bis zu 3,5 Millionen Euro pro Grant erhöht – Geld, das dem Wissenschaftler folgt und häufig die Grundlage für neue Spin-offs bildet.
Die Schweiz bietet zusätzliche Vorteile: ein dichtes Life-Science-Cluster rund um Basel, Zürich und Lausanne sowie eine starke Talent-Pipeline von der ETH Zürich und der EPFL.
Die Schweiz ist ein attraktiver Standort: Innosuisse kofinanziert Projekte für den Markteintritt von wissenschaftsbasierten Start-ups und reduziert damit die finanzielle Belastung in der risikoreichsten Phase. Der aktuelle Swiss Biotech Report zeigt, dass die Branche selbst in einem sich abkühlenden globalen Umfeld Rekordfinanzierungsrunden verzeichnet – ein Zeichen dafür, dass lokale Angels und Unternehmen weiterhin Kapital investieren.
Die Strategie rund um geistiges Eigentum wird zu einem immer wichtigeren Wettbewerbsvorteil. China meldet mehr Patente als je zuvor an und baut seine IP-Aktivitäten weiter aus. Europas Antwort darauf ist das Einheitspatent (Unitary Patent), das seit dem 1. Juni 2023 in Kraft ist. Es ermöglicht einem Start-up, Erfindungen mit einer einzigen Anmeldung in – bislang – 18 EU-Mitgliedstaaten zu schützen und ist damit deutlich günstiger als das zuvor notwendige fragmentierte System.
Die Schweiz liegt zwar außerhalb dieses Systems, Schweizer Unternehmen können jedoch weiterhin über das Europäische Patentamt (EPO) einen europaweiten Schutz beantragen und gleichzeitig hochwertige Forschung und Entwicklung im eigenen Land halten.
Auswirkungen für Angels in der Schweiz und Europa:
Dealflow: Die Rückkehr von Talenten aus den USA und Asien verbessert die Qualität lokaler Gründerteams. Angels erhalten Zugang zu Know-how, das früher ausschließlich in Boston oder der Bay Area verfügbar und entsprechend teuer war.
Regulatorische Absicherung: Gründer können zunächst die Zulassung über Swissmedic anstreben, anschließend den Zugang zum EU-Markt nutzen und den Kontakt mit der FDA aufschieben, bis sich das politische Umfeld stabilisiert hat. Diese Abfolge reduziert Risiken, ohne die globalen Ambitionen zu bremsen.
IP-Strategie: Frühzeitige Anmeldungen sowohl in der Schweiz als auch im System des Einheitspatents sichern die Handlungsfreiheit (Freedom to Operate), bevor chinesische etablierte Marktteilnehmer das Feld zunehmend besetzen. Angels sollten daher von Anfang an ein Budget für beide Anmeldungen einplanen.
Veränderung schafft Unsicherheit, aber aus Schweizer Perspektive eröffnet sie gleichzeitig ein Zeitfenster: einen starken Zustrom an Talenten, unterstützende öffentliche Finanzierung und einen klaren Weg zu europaweitem IP-Schutz. Für Frühphaseninvestoren, die bereit sind, das erste Investment zu tätigen, bieten nur wenige Regionen derzeit ein besseres Verhältnis von Risiko und Rendite.
VC und PE: Das Zeitfenster für Chancen im Schweizer HealthTech-Sektor
von Laurent Degoumois
Weltweit bleibt das Umfeld für Private Equity („PE“) und Venture Capital („VC“) herausfordernd. Begrenzte Exit-Möglichkeiten und anhaltende politische Unsicherheit belasten weiterhin die Transaktionsaktivität. Im Gesundheitswesen und in den Life Sciences lag der Fokus historisch vor allem auf den USA. Zunehmende Bedenken hinsichtlich regulatorischer Unvorhersehbarkeit, der Dauer von FDA-Zulassungsverfahren und der Entwicklung staatlicher Erstattungsmodelle führen jedoch zu größerer Zurückhaltung bei Investoren.
Trotz dieses übergeordneten Gegenwinds an den Märkten blieb die M&A- und PE-Aktivität im Gesundheitssektor in den vergangenen Monaten relativ robust. Im ersten Quartal 2025 erreichte das Volumen von Private-Equity-Transaktionen im Gesundheitswesen 25 Milliarden US-Dollar. Damit setzte sich die starke Dynamik aus dem Jahr 2024 fort, das gemessen am jährlichen Transaktionsvolumen das zweitstärkste Jahr aller Zeiten war. Große Transaktionen wie die Übernahme eines 50-prozentigen Anteils an Cotiviti durch KKR sowie die Akquisition von R1 RCM durch TowerBrook und Clayton, Dubilier & Rice (CD&R) zeigen ebenfalls das anhaltende Interesse an technologiegestützten Versorgungsmodellen und einer datengetriebenen Gesundheitsversorgung. In Europa verdeutlichen erfolgreiche Börsengänge zu Beginn dieses Jahres – etwa von Asker Healthcare in Schweden und Diagnostyka in Polen – die anhaltende Nachfrage der Investoren nach hochwertigen Gesundheitsunternehmen.
Die Schweiz wird mit ihrem innovationsfreundlichen Ökosystem und ihrer regulatorischen Klarheit zunehmend als Zentrum für Investitionen im Gesundheitssektor wahrgenommen. Wie bereits erwähnt, bietet sich derzeit ein Zeitfenster, um angesichts der anhaltenden makroökonomischen und politischen Unsicherheit in den USA herausragende wissenschaftliche Talente und die Aufmerksamkeit internationaler Investoren zu gewinnen. Tatsächlich haben Schweizer PE- und VC-Investitionen im Gesundheitssektor im vergangenen Jahrzehnt eine bessere Entwicklung verzeichnet als vergleichbare US-Transaktionen und ein grosser Teil des übrigen Europas.
Die zentrale Herausforderung in Europa bleibt jedoch weiterhin die erfolgreiche Skalierung junger Unternehmen. Kein europäisches Unternehmen befindet sich unter den zehn wertvollsten Unternehmen der Welt, und lediglich 18 europäische Unternehmen gehören zu den 100 wertvollsten – gegenüber 41 zu Beginn des 21. Jahrhunderts, wie kürzlich in einem Meinungsbeitrag der *Financial Times* hervorgehoben wurde (Quelle: EY). Obwohl die Schweiz mit Novartis und Roche globale Marktführer beheimatet, sind beide Unternehmen im Ranking weiter zurückgefallen. Dies macht konkrete Massnahmen erforderlich: Die Schweiz kann bei der Entwicklung einer Scale-up-Agenda für Unternehmen aus den Bereichen Life Sciences und HealthTech eine führende Rolle übernehmen. Neben einem starken Schutz geistigen Eigentums und einem grossen Talentpool braucht es weniger Bürokratie, eine fortgesetzte staatliche Unterstützung für eine unternehmensfreundliche Wirtschaft sowie einen intensiveren Dialog zwischen etablierten Unternehmen und Start-ups.
Ein dynamisches und gut kapitalisiertes VC- und PE-Ökosystem kann dabei als wichtiger Katalysator wirken. Erfreulicherweise gibt es erste Anzeichen für eine positive Dynamik: Neben den Life Sciences gewinnen auch technologiegestützte Gesundheitsdienstleistungen an Bedeutung. Einige Fondsmanager beginnen bereits, ihre Investitionsstrategien auf dieses aufstrebende Segment auszurichten. Wie ein General Partner feststellte: „Digital Health ist zu einer strategischen Notwendigkeit geworden, da der Bereich ein kapital-effizientes Wachstum ermöglicht und nachhaltiges Interesse von Käufern auf sich zieht.“
Und wer weiss: Vielleicht ist das nächste europäische Unicorn ein Schweizer HealthTech-Unternehmen – unterstützt von einem spezialisierten PE-Fonds!
Schlussbemerkung
Die Schweiz verfügt über viele der richtigen Voraussetzungen: Talente, Finanzierungsmöglichkeiten, einen starken Schutz des geistigen Eigentums und regulatorische Klarheit. Dieses Zeitfenster zu nutzen, wird jedoch mehr erfordern als günstige Trends. Business Angels, VC-Investoren, Unternehmen und öffentliche Akteure müssen zusammenarbeiten, um wissenschaftliches und unternehmerisches Potenzial in Unternehmen zu verwandeln, die erfolgreich skalieren – und in der Schweiz bleiben. Das Zeitfenster ist offen.
Wenn Sie über Angel-Investments im HealthTech-Bereich bei MEDKAP auf dem Laufenden bleiben möchten, abonnieren Sie bitte unseren Newsletter und folgen Sie unserer LinkedIn-Seite.
Über die Autoren
Jan Fülscher: Jan ist ein erfahrener Unternehmer und Startup-Experte mit mehr als 20 Jahren Erfahrung im Aufbau und in der Leitung von Innovationsökosystemen. Als Mentor, Coach und Dozent unterstützt er Gründerinnen und Gründer sowie schnell wachsende Unternehmen dabei, geschäftlich erfolgreich zu sein. Jan engagiert sich leidenschaftlich für die Förderung des Unternehmertums und die Unterstützung der nächsten Generation von Innovatoren in der Schweiz und darüber hinaus.
Laurent Degoumois: Laurent ist ein erfahrener Investmentexperte mit fundiertem Hintergrund in den Bereichen Private Equity, Venture Capital und Gesundheitsinvestitionen im weiteren Sinne. Er hatte Führungspositionen im Finanzsektor inne und beriet sowie unterstützte innovative Private-Equity-Fonds und Unternehmen in Europa und den USA. Laurent setzt sich leidenschaftlich für die Förderung des Unternehmertums und die Schaffung nachhaltigen Wachstums im HealthTech-Ökosystem ein.




