Warum Innovationsökosysteme wichtiger sind als einzelne Akteure

Die Autoren sind am Aufbau von MEDKAP, KAPSLY und dem Healthechpark beteiligt. Dieser Artikel erläutert die Beweggründe und die Hintergründe dieser Arbeit.

Warum Ökosysteme?

Innovation fand früher innerhalb großer Unternehmen statt. Bell Labs, IBM, DuPont: Unternehmen bauten interne Forschungsabteilungen auf und behielten die Ergebnisse für sich. Dieses Modell funktioniert in den meisten Branchen heute nicht mehr. Wissen verbreitet sich schneller, Talente wechseln freier den Arbeitgeber, und Start-ups können Produkte auf den Markt bringen, für die früher die Ressourcen eines multinationalen Konzerns erforderlich gewesen wären.

Die Folge: Unternehmen suchen zunehmend außerhalb ihrer eigenen Organisation nach neuen Technologien. Sie kaufen Start-ups auf, lizenzieren Lösungen oder führen Pilotprojekte mit jungen Unternehmen durch. Start-ups wiederum benötigen mehr als nur Finanzierung. Sie brauchen Kunden, Unterstützung bei regulatorischen Fragen und Kontakte zu den richtigen Personen.

Das Problem ist, dass diese beiden Gruppen Schwierigkeiten haben, eigenständig erfolgreich zusammenzuarbeiten. Unternehmen arbeiten in Quartalszyklen und verfügen über Beschaffungsprozesse, die für etablierte Lieferanten entwickelt wurden. Start-ups bewegen sich schnell, probieren Dinge aus und passen selten in diese Prozesse. Das Ergebnis: Vielversprechende Kooperationen kommen ins Stocken, Pilotprojekte ziehen sich in die Länge und beide Seiten gehen frustriert auseinander.

Hier kommen Ökosysteme ins Spiel. Die MIT-Forscher Phil Budden und Fiona Murray haben gezeigt, dass Innovation am besten funktioniert, wenn fünf Gruppen zusammenwirken: Forschungseinrichtungen, Unternehmer, Unternehmen, Investoren und Regierungen. Keine dieser Gruppen kann die anderen ersetzen. Der eigentliche Mehrwert entsteht durch ihre Verbindungen untereinander.

Venture Clienting: Kunden sind wichtiger als Investoren

Eine der effektivsten Möglichkeiten, Start-ups und Unternehmen miteinander zu verbinden, ist das Venture-Client-Modell, das 2015 bei BMW entwickelt wurde. Anstatt in ein Start-up zu investieren, wird das Unternehmen zu dessen frühem Kunden. Es identifiziert ein geschäftliches Problem, sucht nach Start-ups, die dieses Problem lösen könnten, führt ein Pilotprojekt durch und kauft die Lösung, wenn sie funktioniert. Dabei findet kein Eigenkapitaltransfer statt.

Die Startup Garage von BMW, die erste dedizierte Venture-Client-Einheit, konnte mit diesem Ansatz zehnmal mehr Technologien von Start-ups übernehmen als mit dem vorherigen Corporate-Venture-Modell. Der State of Venture Client Report 2024, eine globale Befragung von Unternehmen und Start-ups durch 27pilots, ETH Zürich, INSEAD und die Universität Passau, bestätigt dieses Muster: Unternehmen mit eigenen Venture-Client-Einheiten erhalten innerhalb von 12 Wochen ihren ersten Bestellauftrag, während es über klassische Prozesse 26 Wochen oder länger dauert. Ihre Pilotprojektquote ist zudem fast dreimal so hoch.

Für Start-ups ist ein zahlender Kunde mehr wert als ein Investor, der einen kleinen Scheck ausstellt und anschließend abwartet. Umsatz validiert das Produkt. Eine Referenz eines Unternehmens öffnet Türen zu den nächsten Kunden. Und anders als bei einer Eigenkapitalinvestition werden die Gründer durch Venture Clienting nicht verwässert.

Warum Branchenfokus wichtig ist

Die Brücke zwischen Start-ups und Unternehmen lässt sich leichter bauen, wenn die beteiligten Personen eine gemeinsame Sprache sprechen. Ein Generalist unter den Investoren kann zwar einen Scheck ausstellen, aber ein HealthTech-Spezialist kann regulatorische Unterlagen verstehen, ein Erstattungsrisiko erkennen und den Gründer beim Mittagessen mit einem Krankenhaus-Einkaufsteam bekannt machen.

Das ist nicht nur eine Vermutung. Untersuchungen zu Venture-Capital-Unternehmen zeigen, dass Teams mit spezialisierten Investmentexperten sowohl bei der Auswahl besserer Unternehmen als auch bei deren Unterstützung nach der Investition deutlich bessere Ergebnisse erzielen als Generalisten. Auch der Angel-Markt entwickelt sich in diese Richtung: Gesundheitsorientierte Angel-Gruppen gehörten in den vergangenen zehn Jahren zu den am schnellsten wachsenden Segmenten in den USA und Europa.

In einem stark regulierten Bereich wie der Gesundheitstechnologie, in dem der Weg eines Start-ups zum Markt über klinische Validierung, CE-Kennzeichnung und Verhandlungen über Kostenerstattung führt, ist Branchenexpertise kein „Nice-to-have“. Sie entscheidet darüber, ob man hilfreiche Beratung oder lediglich allgemeine Ermutigung erhält.

Wie MEDKAP, KAPSLY und der Healthechpark zusammenarbeiten

Der Kanton Zürich beheimatet schätzungsweise 30 bis 40 Prozent der Schweizer Digital-Health-Unternehmen. Gründe dafür sind unter anderem die ETH Zürich, die Universität Zürich, das Universitätsspital sowie ein dichtes Netzwerk aus MedTech- und Pharmaunternehmen. Die Infrastruktur ist stark. Was bisher gefehlt hat, sind die verbindenden Strukturen, die aus räumlicher Nähe tatsächliche Zusammenarbeit entstehen lassen.

Drei Organisationen arbeiten daran, diese Lücke zu schließen. Sie sind nicht die einzigen Akteure in Zürichs HealthTech-Landschaft, wurden jedoch so konzipiert, dass sie als Einheit zusammenarbeiten.

MEDKAP ist ein gemeinnütziger Angel-Investoren-Club, der sich ausschließlich auf HealthTech konzentriert. Seine Mitglieder sind Führungskräfte aus dem Gesundheitswesen, Unternehmer, Ärzte und erfahrene Investoren mit fundiertem Fachwissen in den Bereichen MedTech, Diagnostik und Digital Health. Die Investitionen werden syndiziert: Die Mitglieder investieren ab CHF 5.000 pro Deal. Dadurch entstehen für das Start-up relevante Finanzierungsrunden, die gleichzeitig für zukünftige Investoren übersichtlich strukturiert sind. Einige Mitglieder investieren passiv gemeinsam mit einem erfahrenen Lead-Investor. Andere übernehmen aktive Rollen als Berater oder Verwaltungsratsmitglieder.

KAPSLY ist ein Dienstleistungsunternehmen, das HealthTech-Start-ups mit spezialisierten Anbietern in den Bereichen regulatorische Strategie, klinische Studien, Produktentwicklung und Kommerzialisierung verbindet. Junge HealthTech-Unternehmen benötigen diese Expertise typischerweise, können sie sich jedoch nicht zu marktüblichen Preisen leisten. KAPSLY ermöglicht flexible Modelle, darunter auch Service-for-Equity, sodass Start-ups professionelle Unterstützung erhalten können, ohne ihre finanziellen Ressourcen zu schnell aufzubrauchen. KAPSLY bietet zudem Venture-Clienting-Dienstleistungen für Unternehmen und KMU an und unterstützt diese dabei, Lösungen von Start-ups schneller zu identifizieren und zu pilotieren.

Der Healthechpark Zürich-Schlieren bildet die physische Ebene. Direkt neben dem etablierten Bio-Technopark gelegen, bietet er Arbeitsplätze, Labore und regelmäßige Veranstaltungen, die Start-ups, etablierte Unternehmen, Krankenhäuser und die kantonale Wirtschaftsförderung zusammenbringen. Letztere ist im Vorstand des Healthechparks vertreten.

Der Nutzen dieser drei Komponenten liegt nicht in einer einzelnen Organisation, sondern darin, wie sie miteinander verbunden sind. Ein Start-up, das über MEDKAP finanziert wird, kann unmittelbar auf das Dienstleistungsnetzwerk von KAPSLY für regulatorische und kommerzielle Unterstützung zugreifen. Der Venture-Clienting-Bereich von KAPSLY kann dasselbe Start-up mit einem Unternehmen als Pilotkunden verbinden. Der Healthechpark bringt all diese Akteure mit Forschern, Entscheidungsträgern aus Krankenhäusern und kantonalen Behörden an einen Ort. Gleichzeitig erweitern die europäischen Partnernetzwerke von MEDKAP – Springboard Angels in Deutschland, Angel Santé in Frankreich, Italian Angels for Growth und LSI in Schweden – sowohl den Dealflow als auch den Marktzugang über die Schweizer Grenzen hinaus.

Was Mitglieder erhalten

Für jemanden, der MEDKAP beitritt, geht der Mehrwert über einzelne Investments hinaus.

  • Kuratierter Dealflow. Der Beirat von MEDKAP prüft Start-ups anhand von HealthTech-spezifischen Kriterien: Team, Traktion, regulatorischer Weg, Wettbewerbsposition und Finanzierbarkeit. Mitglieder erhalten vorbewertete Investmentmöglichkeiten in einem Bereich, den sie verstehen.

  • Zugängliche Ticketgrößen und professionelle Struktur. Durch die Syndizierung bleiben die individuellen Investitionsbeträge überschaubar, während gleichzeitig Finanzierungsrunden entstehen, die für das Start-up und für zukünftige Investoren funktionieren.

  • Ein Dienstleistungsnetzwerk, das die Investition schützt. Portfolio-Unternehmen müssen regulatorische Strategien oder den Markteintritt nicht alleine bewältigen. Das Netzwerk von KAPSLY ist darauf ausgerichtet, genau jene Schritte zu beschleunigen, an denen junge HealthTech-Unternehmen am häufigsten ins Stocken geraten.

  • Früher Zugang zu Kunden. Über die Venture-Clienting-Dienstleistungen von KAPSLY können Portfolio-Unternehmen schneller potenzielle Kunden aus Unternehmen und KMU erreichen. Für einen Investor ist dies der wichtigste Faktor: Ein Start-up, das seinen ersten zahlenden Kunden gewinnt, hat eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit zu überleben.

  • Eine Community, nicht nur ein Portfolio. Die Veranstaltungen, Workshops und informellen Netzwerke des Healthechparks schaffen einen Austausch zwischen verschiedenen Stakeholdern, den keine Online-Plattform ersetzen kann. Mitglieder treffen Krankenhausadministratoren, ETH-Forscher, kantonale Vertreter und andere Investoren im selben Raum.

  • Internationale Reichweite. Europäische Partnernetzwerke ermöglichen Zugang zu grenzüberschreitendem Dealflow, Co-Investment-Möglichkeiten und Marktkontakten für Portfolio-Unternehmen, die über die Schweiz hinaus expandieren.

Kurz gesagt

Innovation im HealthTech-Bereich entsteht nicht isoliert. Sie entsteht, wenn Investoren, Start-ups, Unternehmen, Krankenhäuser, Regulierungsbehörden und Forschungseinrichtungen eng zusammenarbeiten und über Strukturen verfügen, die ihre Interaktionen produktiv machen.

MEDKAP, KAPSLY und der Healthechpark sind ein Versuch, genau solche Strukturen in einem Sektor und einer Region aufzubauen, in denen die grundlegenden Voraussetzungen bereits sehr stark sind. Das Ökosystem befindet sich noch in einer frühen Phase. Sein Aufbau basiert jedoch auf einer einfachen Überzeugung: Der beste Weg, die Ergebnisse für Start-ups, Investoren und Unternehmen gleichermaßen zu verbessern, besteht darin, die Verbindungen zwischen ihnen zu verbessern.

Schlussbemerkung

Die Schweiz bietet viele der richtigen Voraussetzungen: Talente, Kapital, starke geistige Eigentumsrechte und regulatorische Klarheit. Um diese Chance zu nutzen, wird es jedoch mehr brauchen als günstige Rahmenbedingungen. Angels, VCs, Unternehmen und öffentliche Akteure müssen zusammenarbeiten, um wissenschaftliches und unternehmerisches Potenzial in Unternehmen zu verwandeln, die skalieren können – und langfristig bestehen bleiben. Das Zeitfenster ist offen.

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Über die Autoren

Jan Fülscher: Jan ist ein erfahrener Unternehmer und Start-up-Experte mit über 20 Jahren Erfahrung im Aufbau und Management von Innovationsökosystemen. Als Mentor, Coach und Ausbilder unterstützt er Gründer und schnell wachsende Unternehmen dabei, geschäftlichen Erfolg zu erzielen. Jan engagiert sich leidenschaftlich für Unternehmertum und die Förderung der nächsten Generation von Innovatoren in der Schweiz und darüber hinaus. Er ist ein erfahrener Business Angel und hat Business Angels Switzerland aufgebaut, bevor er SICTIC mitgründete. Bei MEDKAP bringt er seinen umfangreichen Erfahrungsschatz ein, um die Zukunft des Angel Investing 2.0 mitzugestalten.

Vincent Irrling: Vincent Irrling ist eine strategische Führungspersönlichkeit und ein „Ökosystem-Architekt“ innerhalb der Schweizer HealthTech-Landschaft. Sein Ziel ist es, die Lücke zwischen klinischer Innovation und kommerziellem Erfolg zu schließen. Als Gründer von KAPSLY und MEDKAP sowie Managing Director des Healthtechpark Zürich-Schlieren hat Vincent eine einzigartige, integrierte Infrastruktur aufgebaut, die die Zukunft des Gesundheitswesens vorantreiben soll. Durch die Leitung dieser drei Organisationen schafft Vincent ein ganzheitliches Umfeld, in dem Start-ups Zugang zu Kapital, klinischer Validierung und kommerzieller Expertise erhalten, die sie benötigen, um einen echten Einfluss auf Patienten zu erzielen und erfolgreiche Exits zu erreichen.

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